Die Erinnerung an die „Euthanasie“-Verbrechen ist nicht nur eine historische Aufgabe

Kassel / Hadamar: „Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die ‚Euthanasie‘-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom ‚lebensunwerten Leben‘ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.“ Dies machte Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des Landeswohlfahrtsverband LWV Hessen in einem Interview deutlich, dass Dr. Andreas Jürgens mit ihm führte und das wir im Folgenden veröffentlichen.

Dr. Andreas Jürgens: Warum ist es immer noch wichtig, an den Terror der Nazizeit zu erinnern?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Menschen aus rassistischen, antisemitischen, sozialen und eugenischen Gründen diskriminiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen, misshandelt und ermordet. Wir können vergangenes Unrecht nicht wiedergutmachen, aber wir können und müssen an die Verfolgten und Ermordeten erinnern. Mit dieser Erinnerung entreißen wir das Schicksal dieser Menschen dem Vergessen. Und das Auslöschen der Erinnerung an diese Menschen war eines der zentralen Ziele der nationalsozialistischen Täter und Täterinnen. Zugleich zeigen wir Empathie für die verfolgten Menschen und stärken unsere Gesellschaft als eine, die an der Seite der Verfolgten und Unterdrückten steht.

Ebenso wichtig ist es, sich mit den Taten, den Tätern und Täterinnen sowie den Strukturen auseinanderzusetzen, die zu den Massenverbrechen führten. Ich bin überzeugt, dass man aus Geschichte lernen kann. Nur wenn wir die Geschichte der NS-Verfolgung erforschen, bekannt machen und immer wieder öffentlich diskutieren – und dabei auch die historischen Kontinuitäten von Ausgrenzung und Entmenschlichung benennen –, können wir gegenwärtige Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung einordnen, ihre Gefahren erkennen und ihnen entschieden entgegentreten.

Dr. Andreas Jürgens: Was ist das Besondere an der Gedenkstätte Hadamar?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Die Gedenkstätte Hadamar erinnert an die Verfolgten und Ermordeten der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Die Gedenkstätte ist der historische Ort, an dem die „Euthanasie“-Verbrechen geschahen. Fast 15.000 Menschen wurden in dem Gebäude, das als nationalsozialistische Tötungsanstalt diente und heute die Gedenkstätte beherbergt, ermordet. In mehreren Mordprogrammen und -aktionen wurden insbesondere Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen umgebracht. Die Gedenkstätte Hadamar bemüht sich, an jede und jeden Ermordeten der Tötungsanstalt Hadamar zu erinnern – denn jeder Mensch ist gleich viel wert.

Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die „Euthanasie“-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom „lebensunwerten Leben“ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.

Dr. Andreas Jürgens: Bei der Neugestaltung der Gedenkstätte soll auch auf Barrierefreiheit geachtet werden. Was heißt das genau?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Ein wesentliches Ziel der Neugestaltung ist es, Angebote für möglichst alle Menschen zu schaffen, unabhängig von ihren Voraussetzungen und Kenntnissen. Dies betrifft einerseits den Abbau baulicher Hürden: Ein „Eingang für alle“ mit einer Rampe wird den gleichberechtigten Zugang zur Gedenkstätte ermöglichen und Leitsysteme erleichtern die Orientierung. Zugleich soll die Ausstellung, unterstützt durch ein Mediaguide-System, inklusiv gestaltet werden und barrierearme Rundgänge für unterschiedliche Bedürfnisse anbieten.

Wir verstehen Barrierearmut und Inklusion als fortlaufenden Prozess, der gemeinsam gestaltet wird. So planen wir, Expertinnen und Experten in eigener Sache einzubeziehen, um die Ausstellung so zielgruppenorientiert wie möglich zu gestalten. Auch nach Abschluss der Neugestaltung soll der Prozess weitergeführt und die inklusive Bildungsarbeit ausgebaut werden.

Prof. Dr. Jan Erik Schulte ist Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des LWV Hessen

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