Kassel: Heute vor einem Jahr, am 17. Mai 2025, wurde in Kassel die bundesweite Initiative Krüppel gegen Rechts gegründet. Die Gründung der Initiative, die mittlerweile über einige Regionalgruppen verfügt, war ein Ergebnis der Mitmach-Tagung mit dem Titel „Gestern – Heute – Morgen: Behindertenrechtsbewegung im Dialog“, die das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) am 16. und 17. Mai 2025 im Kasseler Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen durchgeführt hat. 

Als Dr. Sigrid Arnade und H.-Günter Heiden damals zum Schluss gekommen sind, dass es dringend eine Initiative behinderter Menschen gegen Rechts braucht und dies in die Veranstaltung einbrachten, war ein zentraler Antrieb dafür, dass sie angesichts der wachsenden Behinderten- und Inklusionsfeindlichkeit nicht wie ein Kaninchen vor der Schlange verharren wollten. Nach einem Jahr zeigt sich, dass die Gefahr von rechts noch bedrohlicher als noch vor einem Jahr ist.

Auf der Internetseite von Krüppel gegen Rechts heißt es zur Ausrichtung und zu den Zielen der Initiative u.a.:

„‚Krüppel gegen Rechts (KgR)‘ ist eine menschenrechtsorientierte, zivilgesellschaftliche, parteiunabhängige, beeinträchtigungsübergreifende Initiative. Sie setzt sich ein

  • für die Garantie und Umsetzung aller Menschenrechte
  • für die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen
  • für die Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens
  • für Demokratie und Inklusion
  • gegen rechtspopulistische Ideologien
  • gegen Ableismus, Sexismus, Rassismus und alle weiteren Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit
  • gegen alle Versuche, ein Leben mit Beeinträchtigung als minderwertig oder unwert zu diffamieren

Der Name ‚Krüppel gegen Rechts‘ bezieht sich auf die Krüppelbewegung der 1970er und 80er Jahre, die den Begriff ‚Krüppel‘ stolz und selbstbewusst nutzte und auch dadurch die Behindertenfeindlichkeit der Gesellschaft entlarvte. Die Initiative ‚Krüppel gegen Rechts‘ hat sich auf der Mitmach-Tagung des bifos – dem Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter – am 17. Mai 2025 in Kassel gegründet.“

Link zu weiteren Informationen zur Initiative Krüppel gegen Rechts

Berlin: Deutlich mehr rassistische und extrem rechte Angriffe, Bedrohungen und Propaganda wurden in Berlin im vergangenen Jahr erfasst. Von 8.286 solcher Fälle berichteten die Berliner Register am 12. Mai 2026 für das Jahr 2025 – ein neuer Höchststand. 2024 waren es noch 7.720. Dies deute auf die Ausweitung menschenfeindlicher Einstellungen in der Stadt hin, weit über die extrem rechte Szene hinaus. „Die erfassten Aufkleber, Demonstrationen, Ausgrenzungen und Übergriffe richten sich gegen alle, die in extrem rechte Feindbilder passen. Ihr Alltag ist zunehmend unsicher“, sagte Lea Lölhöffel aus der Koordinierung der Berliner Register.

Beispiele gibt es viele: Ein Mann entfernte einen Neonazi-Aufkleber und wurde mit Pfefferspray angegriffen. Ein queerer Mensch wurde aus dem Fitnessstudio geworfen. Eine Kundin wurde im Supermarkt antisemitisch beleidigt. Ein Mann wurde in der S-Bahn rassistisch bedroht und geschlagen. Lea Lölhöffel erklärte: „Betroffene bekommen die zugespitzten Debatten um Migration, Transrechte und den Nahost-Konflikt zu spüren“ – sie werden zur Zielscheibe.

Der Bericht zeigt einen starken Anstieg im Themenfeld Rassismus (2.320 Fälle). Im Durchschnitt wurden mehr als zwei Fälle rassistischer verbaler oder körperlicher Übergriffe pro Tag gezählt. Frauen und Minderjährige sind am häufigsten betroffen. Wenn Mütter mit Kopftuch oder Schwarze Familien auf der Straße angefeindet werden, weitet sich die Gewalt auch auf die anwesenden Kinder und Jugendlichen aus. Menschen, die sich gegen rechts engagieren, gerieten verstärkt ins Visier (1.641 Fälle): Besonders im Osten der Stadt wurden Pöbeleien und Gewalt durch jugendliche Neonazis erfasst. Sie störten Wahlkampfteams demokratischer Parteien, griffen Antifas und Menschen mit alternativem Aussehen an. Queerfeindlichkeit (569 Fälle) und Bezüge auf den Nationalsozialismus (1.054 Fälle) wie Hakenkreuz-Graffiti, erreichten ebenfalls einen Höchststand.  Ebenso bewegen sich antisemitische Vorfälle seit zwei Jahren auf einem anhaltend hohen Niveau (1.705 Fälle).

Das Projekt betonte zugleich die Stärke der Zivilgesellschaft: Es gab breite Bündnisse gegen extrem rechte Aufmärsche, Berliner*innen zeigten Zivilcourage und halfen Betroffenen. „Wer bei uns einen Vorfall meldet, tritt für Mut und Zusammenhalt ein“, sagte Lea Lölhöffel.

Die Berliner Register sammeln seit 20 Jahren Ereignisse und Beobachtungen extrem rechter Aktivitäten und alltäglicher Diskriminierung in allen Bezirken. Dabei werden auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze gezählt, um ein umfassendes Lagebild zu erstellen und Impulse für Gegenstrategien zu geben.

Link zu weiteren Presseinformationen, Material und Berichte der bezirklichen Registerstellen:
https://berliner-register.de/pk26

Berlin: Sozial- und Behindertenverbände haben bereits mehrfach eindringlich davor gewarnt, dass die AfD für Menschen mit Behinderungen eine Gefahr darstellt. Zugleich wird dieser Aspekt in der Debatte über die AfD nur selten aufgegriffen. Vor diesem Hintergrund zeigt die gerade erschienene Analyse des Deutschen Instituts für Menschenrechte auf, dass die Abwertung von Menschen mit Behinderungen im Gedankengut der AfD fest verankert ist – und damit die Ablehnung der Garantie der gleichen Würde aller Menschen, die das Fundament unseres Grundgesetzes bildet. Die Analyse ist unter diesem Link abrufbar.

Kassel: Bei Mainz bleibt Mainz gab es klare Bekenntnisse gegen den rechten Gegenwind und bei vielen Karnevalsveranstaltungen wird in diesen Tagen für Vielfalt und Toleranz geworben. Aber auch bei Veranstaltungen behinderter Menschen werden die Gefahren, die u.a. von der AfD und dem Rechtsruck, der derzeit um sich greift, klar benannt. So auch bei der Veranstaltung „Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“, die der Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) vor kurzem in Zusammenarbeit mit der Regeionalgruppe Kassel von Krüppel gegen Rechts und dem Projekt Aktiv Teilhabe gestalten durchgeführt hat. Auf Facebook hat der Verein einen entsprechenden Bericht über die Veranstaltung vom 9. Februar 2026 veröffentlicht, den die kobinet-nachrichten im Folgenden dokumentieren:

Link zum Bericht in verständlicherer Sprache

„Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“ – Ein Rückblick

Bericht des Praktikanten des fab Carol-David über die Veranstaltung über die Behindertenpolitik von rechts:

Am 09.02.26 war ich im freiRAUM bei der Veranstaltung „Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“ und wer pünktlich um 19 Uhr kam, war schon fast zu spät, denn der Raum war voll. Ungefähr 60 Personen kamen, um der Referentin Mandy Müller zuzuhören, die auf Grundlage ihrer Bachelor-Arbeit dargestellt hat, was behinderte Menschen unter einer AfD-Regierung zu erwarten hätten.

Das Ergebnis, das auf der theoretischen Grundlage von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aufbaut, ist eindeutig: Die AfD ist eine Gefahr für die Teilhabe Behinderter. Inklusion sei, laut AfD, eine zu teure Angelegenheit und würde Menschen ohne Behinderung in ihrer Leistung hemmen. Die AfD-Politik würde für behinderte Menschen mehr Ausgrenzung durch Förderschulen, Werkstätten und einem verstärkten Rückzug ins Private bedeuten. Hauptsache raus aus unserer vermeintlich „gesunden“ Gesellschaft.

So einschüchternd das vor aktuellen Wahlprognosen erscheint, hat die anschließende Diskussion doch Hoffnung gemacht. Es ist noch nicht zu spät! Unsere Möglichkeiten sind da: Protest, politische Bildung und Wählen! Gemeinsam mit anderen behinderten Menschen und gemeinsam mit ebenfalls bedrohten Gruppen: Frauen*, LGBTQIA+, PoC, religiöse Gemeinschaften, Gewerkschaften und generell allen, die die AfD nicht mag.

Link zum Facebook-Post des fab Kassel

Link zur bundesweiten Initiative Krüppel gegen Rechts

Kiel: Aktive der im Mai 2025 gegründeten Initiative Krüppel gegen Rechts haben mittlerweile neben dem bundesweiten Austausch auch einige Regionalgruppen gegrüdet. Christian Judith setzt sich in Schleswig-Holstein gegen Behindertenfeindlichkeit ein. In einem Beitrag der shz heißt es dazu: „In der Bewegung ‚Krüppel gegen Rechts‘ versammeln sich Behinderte, die ihr Lebensrecht von Rechts infrage gestellt sehen. Christian Judith setzt sich dafür ein, dass die Gruppe auch im Norden Fuß fasst.“

Im Beitrag der shz heißt es weiter zum Engagement von Christian Judith: „Erst im Mai vergangenen Jahres gründete sich die Bewegung, in Kassel. Judith versteht sie als ‚eine Art Aufschrei der Menschen mit Behinderung – wir lassen uns nicht vertreiben, wir lassen uns nicht unseres Lebensrechts berauben.’“

Link zum vollständigen Beitrag über das Engagement von Christian Judith in Schleswig-Holstein für Krüppel gegen Rechts

Link zu weiteren Infos der bundesweiten Initiative Krüppel gegen Rechts

Magdeburg: Am 24. Januar 2026 haben sich Vertreter*innen der Behindertenbewegung noch darüber gefreut, dass die langjährig behindertenpolitisch engagierte und selbst mit einer Behinderung lebende Katrin Gensecke bei der Listenaufstellung der SPD von Sachsen-Anhalt auf den Listenplatz 6 für die Landtagswahl am 6. September 2026 mit großer Zustimmung gewählt wurde. Ein Blick auf den Entwurf des Regierungsprogramms der AfD, die derzeit in Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei Werten zwischen 38 und 40 Prozent gesehen und nicht weit von einer absoluten Mehrheit entfernt sein könnte, zeigt jedoch im Hinblick auf die Rechte behinderter Menschen erhebliche Gefahren auf. In einem Bericht auf t-online.de fasst das Nachrichtenportal die Vorhaben der AfD in der Schulpolitik mit folgender Zwischenüerschrift zusammen: „Schule: Nationalhymne singen, Inklusion beenden, Klassenfahrt nach Russland“. Im Beitrag heißt es zur Inklusion: „In den Schulen will die AfD tief eingreifen. Sie will die Wiedereinführung von Haupt- und Realschule prüfen und richtet sich unter der Überschrift ‚Keine Experimente an unseren Kindern!‘ gegen den inklusiven Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Sie sollen nach Vorstellung der AfD getrennt unterrichtet, Förderschulen wieder verstärkt werden. Auch Kinder aus geflüchteten Familien sollen in ‚Sonderklassen‘ unterrichtet werden.“

Ab Zeile 1782 unter der Überschrift „Keine Experimente an unseren Kindern“ lesen sich die Ausführungen zur schulischen Inklusion wie folgt im Entwurf des AfD-Regierungsprogramms, das auf der Plattform von politico.eu veröffentlicht wurde, wie folgt:

„Das Experiment ‚Inklusion‘, also der gemeinsame Unterricht von behinderten Kindern mit normal begabten Kindern und die Abschaffung der herkömmlichen Förderschulen, ist auf ganzer Linie gescheitert. Die behinderten Kinder erhalten nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, finden unter ihren Mitschülern keinen Anschluss, lähmen den Unterrichtsfortgang und bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Gerade behinderte Kinder benötigen eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik, wie sie nur an Förderschulen möglich ist. Hinzu kommt, dass die in Inklusionsklassen oft praktizierte Doppelbesetzung (= zwei Lehrer pro Klasse) in Zeiten des Lehrersmangels wertvolle Kapazitäten bindet. Wir werden die Inklusion unverzüglich beenden und die Förderschulen ausbauen!“

Die AfD hat in Sachen Behindertenpolitik aber auch die Behindertenparkplätze im Visier. Unter der Überschrift „Behindertenparkplätze nach Bedarf!“ heißt es ab Zeile 4782 im Entwurf des Regierungsprogramms der AfD:

„Jedem Autofahrer ist die Situation bekannt, dass er verzweifelt einen Parkplatz sucht und keinen findet, weil alles belegt ist, aber immer mehrere Behindertenparkplätze frei bleiben. Offensichtlich existieren mehr Behindertenplätze als von berechtigten Nutzern mit Behindertenausweis nachgefragt werden. Wir werden deshalb landesweit die Auslastung der Behindertenparkplätze überprüfen und, wenn Überkapazitäten langfristig ungenutzt bleiben, diese reduzieren bzw. die Kommunen anregen und dabei unterstützten, in diesem Sinne zu handeln. Wir wollen Behinderten nicht zumuten, zusammen mit Nichtbehinderten um die gleichen Parkplätze konkurrieren zu müssen; es darf aber auch nicht sein, dass sinnfreie Überkapazitäten vorgehalten werden.“

Anlass zur Besorgnis bieten auch die Vorstellungen der AfD von Sachsen-Anhalt zum Thema Pflege. Dazu heißt es im Entwurf des Regierungsprogramms der AfD Sachsen-Anhalt u.a.:

„Was die Pflege angeht, so ist sie ebenso wie die Kindererziehung eine lebensnahe Tätigkeit, die ursprünglich nicht professionalisiert war und erst in jüngerer Zeit durch staatliche Institutionen übernommen wurde. Pflege ist ihrem Wesen nach Ausdruck der Fürsorge liebender Angehöriger. Wir werden die Familie fördern, damit sie ihre heilsame Funktion zur Entlastung des Gemeinwesens besser erfüllen kann.“

Link zum Bericht von t-online zum Entwurf des Regierungsprogramms der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 26. Januar 2026

Link zum Bericht des Focus vom 27. Januar 2026 über den Entwurf des Regierungsprogramms der AfD Sachsen-Anhalt

Link zum auf www.politico.eu veröffentlichten Entwurf des AfD Landesverband Sachsen-Anhalt für das Regierungsprogramm für die Landtagswahl vom 23. Januar 2026

„Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“, so lautet der Titel einer Veranstaltung mit einem Vortrag und anschließender Diskussion, die am 9. Februar 2026 um 19:00 Uhr in den Räumen des freiRaum, Samuel-Beckett-Anlage 6 in 34119 Kassel stattfindet.

„Rechte Ideologien und damit auch menschenfeindliche Einstellungen gewinnen seit Jahren immer mehr an Einfluss. Das betrifft auch behinderte Menschen. Wie sich diese rechte Behindertenfeindlichkeit konkret äußert, welches Bild von Behinderung im rechten Weltbild gezeichnet wird, welche Rollen behinderten Menschen zugeschrieben werden und was das für die Teilhabe im Alltag bedeutet, zeigt Mandy Müller vom Projekt ‚Aktiv Teilhabe gestalten‘ vom fab e.V.. Im Anschluss möchten wir mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

Welche Erfahrungen habt ihr im Alltag, in Institutionen oder online mit rechter Behindertenfeindlichkeit gemacht?

  • Welche Folgen spüren wir als Community?
  • Und vor allem: Was können wir dem entgegensetzen? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es vor Ort?

Es handelt sich um eine Kooperationsveranstaltung des Projekts ‚Aktiv Teilhabe gestalten‘ des fab e.V. und der Initiative ‚Krüppel gegen Rechts‘. Der Abend soll Raum bieten für Austausch, Vernetzung und die Entwicklung gemeinsamer Strategien.

Bei Bedarf an Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache bitten wir um eine kurze Anmeldung per Mail an mandy.mueller@fab-kassel.de spätestens bis zum 29.1.2026.

Die Veranstaltung ist ein Schutzraum für alle Beteiligten. Menschenfeindliche Äußerungen, rechte Parolen oder Störungen des Ablaufs werden nicht geduldet. Wir machen vom Hausrecht Gebrauch und schließen entsprechende Personen aus“, heißt es in der Ankündigung der Veranstaltung. Weitere Infos gibt’s per Mail unter mandy.mueller@fab-kassel.de.

Kassel / Hadamar: „Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die ‚Euthanasie‘-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom ‚lebensunwerten Leben‘ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.“ Dies machte Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des Landeswohlfahrtsverband LWV Hessen in einem Interview deutlich, dass Dr. Andreas Jürgens mit ihm führte und das wir im Folgenden veröffentlichen.

Dr. Andreas Jürgens: Warum ist es immer noch wichtig, an den Terror der Nazizeit zu erinnern?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Menschen aus rassistischen, antisemitischen, sozialen und eugenischen Gründen diskriminiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen, misshandelt und ermordet. Wir können vergangenes Unrecht nicht wiedergutmachen, aber wir können und müssen an die Verfolgten und Ermordeten erinnern. Mit dieser Erinnerung entreißen wir das Schicksal dieser Menschen dem Vergessen. Und das Auslöschen der Erinnerung an diese Menschen war eines der zentralen Ziele der nationalsozialistischen Täter und Täterinnen. Zugleich zeigen wir Empathie für die verfolgten Menschen und stärken unsere Gesellschaft als eine, die an der Seite der Verfolgten und Unterdrückten steht.

Ebenso wichtig ist es, sich mit den Taten, den Tätern und Täterinnen sowie den Strukturen auseinanderzusetzen, die zu den Massenverbrechen führten. Ich bin überzeugt, dass man aus Geschichte lernen kann. Nur wenn wir die Geschichte der NS-Verfolgung erforschen, bekannt machen und immer wieder öffentlich diskutieren – und dabei auch die historischen Kontinuitäten von Ausgrenzung und Entmenschlichung benennen –, können wir gegenwärtige Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung einordnen, ihre Gefahren erkennen und ihnen entschieden entgegentreten.

Dr. Andreas Jürgens: Was ist das Besondere an der Gedenkstätte Hadamar?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Die Gedenkstätte Hadamar erinnert an die Verfolgten und Ermordeten der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Die Gedenkstätte ist der historische Ort, an dem die „Euthanasie“-Verbrechen geschahen. Fast 15.000 Menschen wurden in dem Gebäude, das als nationalsozialistische Tötungsanstalt diente und heute die Gedenkstätte beherbergt, ermordet. In mehreren Mordprogrammen und -aktionen wurden insbesondere Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen umgebracht. Die Gedenkstätte Hadamar bemüht sich, an jede und jeden Ermordeten der Tötungsanstalt Hadamar zu erinnern – denn jeder Mensch ist gleich viel wert.

Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die „Euthanasie“-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom „lebensunwerten Leben“ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.

Dr. Andreas Jürgens: Bei der Neugestaltung der Gedenkstätte soll auch auf Barrierefreiheit geachtet werden. Was heißt das genau?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Ein wesentliches Ziel der Neugestaltung ist es, Angebote für möglichst alle Menschen zu schaffen, unabhängig von ihren Voraussetzungen und Kenntnissen. Dies betrifft einerseits den Abbau baulicher Hürden: Ein „Eingang für alle“ mit einer Rampe wird den gleichberechtigten Zugang zur Gedenkstätte ermöglichen und Leitsysteme erleichtern die Orientierung. Zugleich soll die Ausstellung, unterstützt durch ein Mediaguide-System, inklusiv gestaltet werden und barrierearme Rundgänge für unterschiedliche Bedürfnisse anbieten.

Wir verstehen Barrierearmut und Inklusion als fortlaufenden Prozess, der gemeinsam gestaltet wird. So planen wir, Expertinnen und Experten in eigener Sache einzubeziehen, um die Ausstellung so zielgruppenorientiert wie möglich zu gestalten. Auch nach Abschluss der Neugestaltung soll der Prozess weitergeführt und die inklusive Bildungsarbeit ausgebaut werden.

Prof. Dr. Jan Erik Schulte ist Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des LWV Hessen

Weitere Informationen gibt’s unter:

Das Jahr 2026 fängt aktiv an. Bereits vor dem ersten Treffen des bundesweiten Zusammenschluss von Krüppel gegen Rechts am 14. Januar 2026 hat sich auch in München eine Regionalgruppe von „Krüppel gegen Rechts“ gegründet. Die Münchner Gruppe ist per Mail unter muenchen@krueppel-gegen-rechts.de erreichbar. Wer mitmachen will, kann sich gerne per Mail melden.

In der Region Berlin-Brandenburg wurde nun auch eine Regionalgruppe „Krüppel gegen Rechts“ gegründet. Am 17. Mai 2025 wurde die bundesweite Initiative *Krüppel gegen Rechts* als menschenrechtsorientierte, zivilgesellschaftliche und parteiunabhängige Bewegung gegründet. Nun gibt es auch eine Regionalgruppe in Berlin-Brandenburg!

Wer in der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg mitmachen möchte, kann sich per Mail unter BrB@krueppel-gegen-rechts.de anmelden.