Kiel: Aktive der im Mai 2025 gegründeten Initiative Krüppel gegen Rechts haben mittlerweile neben dem bundesweiten Austausch auch einige Regionalgruppen gegrüdet. Christian Judith setzt sich in Schleswig-Holstein gegen Behindertenfeindlichkeit ein. In einem Beitrag der shz heißt es dazu: „In der Bewegung ‚Krüppel gegen Rechts‘ versammeln sich Behinderte, die ihr Lebensrecht von Rechts infrage gestellt sehen. Christian Judith setzt sich dafür ein, dass die Gruppe auch im Norden Fuß fasst.“

Im Beitrag der shz heißt es weiter zum Engagement von Christian Judith: „Erst im Mai vergangenen Jahres gründete sich die Bewegung, in Kassel. Judith versteht sie als ‚eine Art Aufschrei der Menschen mit Behinderung – wir lassen uns nicht vertreiben, wir lassen uns nicht unseres Lebensrechts berauben.’“

Link zum vollständigen Beitrag über das Engagement von Christian Judith in Schleswig-Holstein für Krüppel gegen Rechts

Link zu weiteren Infos der bundesweiten Initiative Krüppel gegen Rechts

Magdeburg: Am 24. Januar 2026 haben sich Vertreter*innen der Behindertenbewegung noch darüber gefreut, dass die langjährig behindertenpolitisch engagierte und selbst mit einer Behinderung lebende Katrin Gensecke bei der Listenaufstellung der SPD von Sachsen-Anhalt auf den Listenplatz 6 für die Landtagswahl am 6. September 2026 mit großer Zustimmung gewählt wurde. Ein Blick auf den Entwurf des Regierungsprogramms der AfD, die derzeit in Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bei Werten zwischen 38 und 40 Prozent gesehen und nicht weit von einer absoluten Mehrheit entfernt sein könnte, zeigt jedoch im Hinblick auf die Rechte behinderter Menschen erhebliche Gefahren auf. In einem Bericht auf t-online.de fasst das Nachrichtenportal die Vorhaben der AfD in der Schulpolitik mit folgender Zwischenüerschrift zusammen: „Schule: Nationalhymne singen, Inklusion beenden, Klassenfahrt nach Russland“. Im Beitrag heißt es zur Inklusion: „In den Schulen will die AfD tief eingreifen. Sie will die Wiedereinführung von Haupt- und Realschule prüfen und richtet sich unter der Überschrift ‚Keine Experimente an unseren Kindern!‘ gegen den inklusiven Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern. Sie sollen nach Vorstellung der AfD getrennt unterrichtet, Förderschulen wieder verstärkt werden. Auch Kinder aus geflüchteten Familien sollen in ‚Sonderklassen‘ unterrichtet werden.“

Ab Zeile 1782 unter der Überschrift „Keine Experimente an unseren Kindern“ lesen sich die Ausführungen zur schulischen Inklusion wie folgt im Entwurf des AfD-Regierungsprogramms, das auf der Plattform von politico.eu veröffentlicht wurde, wie folgt:

„Das Experiment ‚Inklusion‘, also der gemeinsame Unterricht von behinderten Kindern mit normal begabten Kindern und die Abschaffung der herkömmlichen Förderschulen, ist auf ganzer Linie gescheitert. Die behinderten Kinder erhalten nicht die Aufmerksamkeit, die sie benötigen, finden unter ihren Mitschülern keinen Anschluss, lähmen den Unterrichtsfortgang und bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück. Gerade behinderte Kinder benötigen eine speziell auf ihre Situation abgestimmte Pädagogik, wie sie nur an Förderschulen möglich ist. Hinzu kommt, dass die in Inklusionsklassen oft praktizierte Doppelbesetzung (= zwei Lehrer pro Klasse) in Zeiten des Lehrersmangels wertvolle Kapazitäten bindet. Wir werden die Inklusion unverzüglich beenden und die Förderschulen ausbauen!“

Die AfD hat in Sachen Behindertenpolitik aber auch die Behindertenparkplätze im Visier. Unter der Überschrift „Behindertenparkplätze nach Bedarf!“ heißt es ab Zeile 4782 im Entwurf des Regierungsprogramms der AfD:

„Jedem Autofahrer ist die Situation bekannt, dass er verzweifelt einen Parkplatz sucht und keinen findet, weil alles belegt ist, aber immer mehrere Behindertenparkplätze frei bleiben. Offensichtlich existieren mehr Behindertenplätze als von berechtigten Nutzern mit Behindertenausweis nachgefragt werden. Wir werden deshalb landesweit die Auslastung der Behindertenparkplätze überprüfen und, wenn Überkapazitäten langfristig ungenutzt bleiben, diese reduzieren bzw. die Kommunen anregen und dabei unterstützten, in diesem Sinne zu handeln. Wir wollen Behinderten nicht zumuten, zusammen mit Nichtbehinderten um die gleichen Parkplätze konkurrieren zu müssen; es darf aber auch nicht sein, dass sinnfreie Überkapazitäten vorgehalten werden.“

Anlass zur Besorgnis bieten auch die Vorstellungen der AfD von Sachsen-Anhalt zum Thema Pflege. Dazu heißt es im Entwurf des Regierungsprogramms der AfD Sachsen-Anhalt u.a.:

„Was die Pflege angeht, so ist sie ebenso wie die Kindererziehung eine lebensnahe Tätigkeit, die ursprünglich nicht professionalisiert war und erst in jüngerer Zeit durch staatliche Institutionen übernommen wurde. Pflege ist ihrem Wesen nach Ausdruck der Fürsorge liebender Angehöriger. Wir werden die Familie fördern, damit sie ihre heilsame Funktion zur Entlastung des Gemeinwesens besser erfüllen kann.“

Link zum Bericht von t-online zum Entwurf des Regierungsprogramms der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 26. Januar 2026

Link zum Bericht des Focus vom 27. Januar 2026 über den Entwurf des Regierungsprogramms der AfD Sachsen-Anhalt

Link zum auf www.politico.eu veröffentlichten Entwurf des AfD Landesverband Sachsen-Anhalt für das Regierungsprogramm für die Landtagswahl vom 23. Januar 2026

„Rechter Gegenwind behindert Teilhabe“, so lautet der Titel einer Veranstaltung mit einem Vortrag und anschließender Diskussion, die am 9. Februar 2026 um 19:00 Uhr in den Räumen des freiRaum, Samuel-Beckett-Anlage 6 in 34119 Kassel stattfindet.

„Rechte Ideologien und damit auch menschenfeindliche Einstellungen gewinnen seit Jahren immer mehr an Einfluss. Das betrifft auch behinderte Menschen. Wie sich diese rechte Behindertenfeindlichkeit konkret äußert, welches Bild von Behinderung im rechten Weltbild gezeichnet wird, welche Rollen behinderten Menschen zugeschrieben werden und was das für die Teilhabe im Alltag bedeutet, zeigt Mandy Müller vom Projekt ‚Aktiv Teilhabe gestalten‘ vom fab e.V.. Im Anschluss möchten wir mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

Welche Erfahrungen habt ihr im Alltag, in Institutionen oder online mit rechter Behindertenfeindlichkeit gemacht?

  • Welche Folgen spüren wir als Community?
  • Und vor allem: Was können wir dem entgegensetzen? Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es vor Ort?

Es handelt sich um eine Kooperationsveranstaltung des Projekts ‚Aktiv Teilhabe gestalten‘ des fab e.V. und der Initiative ‚Krüppel gegen Rechts‘. Der Abend soll Raum bieten für Austausch, Vernetzung und die Entwicklung gemeinsamer Strategien.

Bei Bedarf an Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache bitten wir um eine kurze Anmeldung per Mail an mandy.mueller@fab-kassel.de spätestens bis zum 29.1.2026.

Die Veranstaltung ist ein Schutzraum für alle Beteiligten. Menschenfeindliche Äußerungen, rechte Parolen oder Störungen des Ablaufs werden nicht geduldet. Wir machen vom Hausrecht Gebrauch und schließen entsprechende Personen aus“, heißt es in der Ankündigung der Veranstaltung. Weitere Infos gibt’s per Mail unter mandy.mueller@fab-kassel.de.

Kassel / Hadamar: „Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die ‚Euthanasie‘-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom ‚lebensunwerten Leben‘ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.“ Dies machte Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des Landeswohlfahrtsverband LWV Hessen in einem Interview deutlich, dass Dr. Andreas Jürgens mit ihm führte und das wir im Folgenden veröffentlichen.

Dr. Andreas Jürgens: Warum ist es immer noch wichtig, an den Terror der Nazizeit zu erinnern?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Menschen aus rassistischen, antisemitischen, sozialen und eugenischen Gründen diskriminiert, aus der Gesellschaft ausgeschlossen, misshandelt und ermordet. Wir können vergangenes Unrecht nicht wiedergutmachen, aber wir können und müssen an die Verfolgten und Ermordeten erinnern. Mit dieser Erinnerung entreißen wir das Schicksal dieser Menschen dem Vergessen. Und das Auslöschen der Erinnerung an diese Menschen war eines der zentralen Ziele der nationalsozialistischen Täter und Täterinnen. Zugleich zeigen wir Empathie für die verfolgten Menschen und stärken unsere Gesellschaft als eine, die an der Seite der Verfolgten und Unterdrückten steht.

Ebenso wichtig ist es, sich mit den Taten, den Tätern und Täterinnen sowie den Strukturen auseinanderzusetzen, die zu den Massenverbrechen führten. Ich bin überzeugt, dass man aus Geschichte lernen kann. Nur wenn wir die Geschichte der NS-Verfolgung erforschen, bekannt machen und immer wieder öffentlich diskutieren – und dabei auch die historischen Kontinuitäten von Ausgrenzung und Entmenschlichung benennen –, können wir gegenwärtige Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung einordnen, ihre Gefahren erkennen und ihnen entschieden entgegentreten.

Dr. Andreas Jürgens: Was ist das Besondere an der Gedenkstätte Hadamar?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Die Gedenkstätte Hadamar erinnert an die Verfolgten und Ermordeten der nationalsozialistischen „Euthanasie“. Die Gedenkstätte ist der historische Ort, an dem die „Euthanasie“-Verbrechen geschahen. Fast 15.000 Menschen wurden in dem Gebäude, das als nationalsozialistische Tötungsanstalt diente und heute die Gedenkstätte beherbergt, ermordet. In mehreren Mordprogrammen und -aktionen wurden insbesondere Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen umgebracht. Die Gedenkstätte Hadamar bemüht sich, an jede und jeden Ermordeten der Tötungsanstalt Hadamar zu erinnern – denn jeder Mensch ist gleich viel wert.

Auch heute erleben viele Menschen Ausgrenzung. Die Erinnerung an die „Euthanasie“-Verbrechen ist daher nicht nur eine historische Aufgabe. Vielmehr sensibilisiert uns das Schicksal einzelner NS-Verfolgter für Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart. Diese Verbrechen zeigen eindringlich, wie der Weg von Stigmatisierung und Ausgrenzung über die Rhetorik vom „lebensunwerten Leben“ bis hin zum Mord führte. Sie mahnen uns, dass jede Entwertung von Menschen auf eine gefährliche schiefe Ebene führt, auf der es schließlich kein Halten mehr gibt.

Dr. Andreas Jürgens: Bei der Neugestaltung der Gedenkstätte soll auch auf Barrierefreiheit geachtet werden. Was heißt das genau?

Prof. Dr. Jan Eric Schulte: Ein wesentliches Ziel der Neugestaltung ist es, Angebote für möglichst alle Menschen zu schaffen, unabhängig von ihren Voraussetzungen und Kenntnissen. Dies betrifft einerseits den Abbau baulicher Hürden: Ein „Eingang für alle“ mit einer Rampe wird den gleichberechtigten Zugang zur Gedenkstätte ermöglichen und Leitsysteme erleichtern die Orientierung. Zugleich soll die Ausstellung, unterstützt durch ein Mediaguide-System, inklusiv gestaltet werden und barrierearme Rundgänge für unterschiedliche Bedürfnisse anbieten.

Wir verstehen Barrierearmut und Inklusion als fortlaufenden Prozess, der gemeinsam gestaltet wird. So planen wir, Expertinnen und Experten in eigener Sache einzubeziehen, um die Ausstellung so zielgruppenorientiert wie möglich zu gestalten. Auch nach Abschluss der Neugestaltung soll der Prozess weitergeführt und die inklusive Bildungsarbeit ausgebaut werden.

Prof. Dr. Jan Erik Schulte ist Leiter der Gedenkstätte Hadamar und Leiter des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des LWV Hessen

Weitere Informationen gibt’s unter:

Das Jahr 2026 fängt aktiv an. Bereits vor dem ersten Treffen des bundesweiten Zusammenschluss von Krüppel gegen Rechts am 14. Januar 2026 hat sich auch in München eine Regionalgruppe von „Krüppel gegen Rechts“ gegründet. Die Münchner Gruppe ist per Mail unter muenchen@krueppel-gegen-rechts.de erreichbar. Wer mitmachen will, kann sich gerne per Mail melden.

In der Region Berlin-Brandenburg wurde nun auch eine Regionalgruppe „Krüppel gegen Rechts“ gegründet. Am 17. Mai 2025 wurde die bundesweite Initiative *Krüppel gegen Rechts* als menschenrechtsorientierte, zivilgesellschaftliche und parteiunabhängige Bewegung gegründet. Nun gibt es auch eine Regionalgruppe in Berlin-Brandenburg!

Wer in der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg mitmachen möchte, kann sich per Mail unter BrB@krueppel-gegen-rechts.de anmelden.

Kassel: Am 17. Mai 2025 hat sich in Kassel die bundesweite Initiative Krüppel gegen Rechts im Rahmen einer Tagung aus den Reihen der Behindertenbewegung gegründet. Den Initiator*innen geht es u.a. darum, den zunehmenden menschenfeindlichen Tendenzen entgegenzuwirken, von denen auch behinderte Menschen und deren Forderung nach der Achtung der Menschenrechte und Inklusion betroffen sind. Neben dem bundesweiten Austausch haben sich mittlerweile auch erste Regionalgruppen von Krüppel gegen Rechts gegründet, so auch in Kassel. Vertreter*innen der Kasseler Regionalgruppe von Krüppel gegen Rechts sind vor kurzem an die Presse gegangen, so dass nun die in Kassel erscheinende Hessisch Niedersächsische Allgemeine (HNA) über das Wirken und die Ziele der Gruppe berichtet hat.

Link zum Beitrag der HNA über die Kasseler Gruppe Krüppel gegen Rechts

Kassel / Berlin: Mandy Müller hat sich in ihrer im Sommer 2024 eingereichten Bachelorarbeit intensiv mit den behindertenpolitischen Positionierungen der AfD beschäftigt. Sie tritt neben dem Angebot von Empowerment-Schulungen für den Umgang mit Argumenten und Aktivitäten der AfD dafür ein, dass auch in den Reihen der Behindertenorganisationen verstärkt Aufklärung über die Positionen und Strategien der AfD in Sachen Behindertenpolitik betrieben werden muss. Max Prigge von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) führte folgendes Interview mit Mandy Müller aus Kassel für die kobinet-nachrichten.

Max Prigge: Vielen Dank für Ihre Zeit. Sie haben eine Bachelorarbeit über die Behindertenpolitik der AfD geschrieben. Was war Ihre Motivation, dieses nicht gerade leichte Thema für das eigene Wohlbefinden auszuwählen?

Mandy Müller: Das eigene Wohlbefinden wäre für mich als Mensch mit Behinderung definitiv auch gefährdet, wenn die AfD mit ihren Positionen durchkommt – und sei es auch nur dadurch, dass sie den gesellschaftlichen Diskurs so weit verschiebt, dass Menschenfeindlichkeit zur Norm wird. Dass die AfD menschenfeindlich agiert, weiß man – auch in der Wissenschaft. Speziell auf Menschen mit Behinderungen bezogen gibt es allerdings bisher sehr wenige Untersuchungen der AfD-Politik. Im Hinblick auf die immer stärker werdende Präsenz der AfD in der politischen und auch gesellschaftlichen Landschaft wollte ich ihre behindertenpolitischen Positionierungen auf Basis aktueller Programme vor allem für uns Betroffene einordnen und über ihre Strategie aufklären. Hinschauen ist gerade wichtiger denn je.

Max Prigge: Wie sehr hat sich seit den Anfängen der Partei die Politik und der Sprachgebrauch im Hinblick auf Menschen mit Behinderung bis heute verändert?

Mandy Müller: Die Anfeindungen gegenüber Menschen mit Behinderungen sind wesentlich subtiler geworden. Nachdem 2018 eine kleine Anfrage der AfD zum Thema „Behinderung und Migration“, in der Behinderung ganz offen als zu vermeidende Last dargestellt und weiterhin als Argument für Anfeindungen gegenüber Migranten verwendet wurde, für einen großen gesellschaftlichen Aufschrei sorgte, trat die AfD etwas auf die Bremse. Zwar gab es seither durchaus weitere offene Anfeindungen wie zum Beispiel von Björn Höcke oder Maximilian Krah. Generell inszeniert sich die AfD aber gern als Beschützerin der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Doch was sie fordert, beispielsweise im Wahlprogramm zur letzten Bundestagswahl, ist Separierung und Exklusion in allen Lebensbereichen – getarnt unter dem Deckmantel des Beschützertums.

Außerdem vertritt die AfD von Beginn an ein veraltetes und defizitorientiertes Modell von Behinderung und missachtet nicht nur die durch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) festgeschriebenen Menschenrechte, sondern negiert diese stellenweise sogar. So spricht sie beispielsweise im aktuellen Grundsatzprogramm davon, dass im Bereich der schulischen Inklusion die Forderungen der UN-BRK bereits erfüllt seien und negiert so das Recht auf Teilhabe im Bildungsbereich.

Max Prigge: Die AfD hat bezugnehmend auf den offenen Brief der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) an die Gesundheitsministerin vom 30. Juli 2025 am 28. August 2025 eine kleine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, wo sie die von der ISL angesprochenen Missstände aufgreift. Wie beurteilen Sie diese kleine Anfrage im Hinblick auf Ihre Forschungen im Rahmen Ihrer Bachelorarbeit?

Mandy Müller: Die Anfrage zeigt genau diese Selbstinszenierung, von der ich vorhin sprach. Sie klingt auf den ersten Blick sehr sozial, ist aber in erster Linie als Instrument zu betrachten, der Regierung mangelnde Sozialpolitik für das „eigene Volk“ zu unterstellen, um ihre Hetzkampagne besser zu begründen. Weiterhin sieht man hier sehr anschaulich, dass die Gelegenheit genutzt wird, um einmal wieder aktuelle quantitative Daten über Menschen mit Behinderungen zu sammeln, was an sich schon für ein sehr defizitorientiertes Modell von Behinderung spricht. Auch hier schwingt vor allem der Tenor von Menschen mit Behinderung als Kostenfaktor mit, wie es bei den behindertenpolitischen Positionierungen der AfD häufig der Fall ist.

Ironischerweise beruft sich die AfD in ihrer Anfrage auf einen offenen Brief der ISL, obwohl die AfD selbst in keiner Weise jemals Forderungen vertrat, die die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen fördern würden – im Gegenteil. Die Stärkung der häuslichen Pflege ist der AfD ein großes Anliegen, auch im aktuellen Wahlprogramm ist diese Forderung festgeschrieben. Dies hat für die AfD zwei Vorteile: Erstens die Besetzung eines sozialpolitischen Themas, was durchaus relevant ist zur Wählergenerierung. Und zweitens würde mit der Stärkung der Pflege durch Angehörige, ohne dabei gleichzeitig auch Teilhabemaßnahmen wie zum Beispiel die persönliche Assistenz zu stärken, einen Rückzug von Menschen mit Behinderungen ins Private bewirken. Sie wären in der Gesellschaft weniger präsent, was dem diversitätsablehnenden Gesellschaftsbild der AfD natürlich zugunsten käme.

Zusammengefasst: Mit dieser kleinen Anfrage und der Instrumentalisierung der absolut berechtigten geäußerten Kritik der ISL schlägt die AfD gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe in Bezug auf ihre politische Strategie.

Max Prigge: Ist zu erwarten, dass die AfD die Behindertenpolitik immer mehr besetzen wird?

Mandy Müller: Das Thema Behindertenpolitik ist bei der AfD kein besonders relevantes. Dennoch wird sie, gerade in den Bereichen, in denen sie sowieso schon Forderungen stellt – wie schulische Exklusion, Stärkung des Systems der Werkstätten für behinderte Menschen und Pflege durch Angehörige –, auch weiterhin Stellung beziehen. Vor allem, wenn dies eine Möglichkeit darstellt, die aktuelle Regierung in punkto Sozialpolitik an den Pranger zu stellen und sich selbst als Beschützerin der (deutschen) Randgruppen darzustellen.

Max Prigge: Was raten Sie Betroffenen, wenn sie auf die Behindertenpolitik der AfD angesprochen werden? Vor allem auch im Hinblick darauf, dass ihr aktuelles Wahlprogramm erst beim zweiten Blick für Menschen mit Behinderung als negativ ersichtlich wird.

Mandy Müller: Vor allem ist das Wahlprogramm ganz stark im Kontext dessen zu betrachten, was die AfD in Bezug auf Behindertenpolitik NICHT fordert. Wörter wie Barrierefreiheit oder -abbau, Teilhabe oder Selbstbestimmung kommen in diesem Kontext nicht vor. Und das zu benennen, ist meine erste Empfehlung. Die zweite ist, zu erklären, was die Forderungen der AfD tatsächlich bedeuten, nämlich: wenig bis gar keine schulische Inklusion, keine Teilhabe am Arbeitsleben, zumindest nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt, und Rückzug ins Private – kurz: Sonderwelten, Separierung und Exklusion.

Außerdem würde ich stets auf die UN-Behindertenrechtskonvention und die darin festgeschriebenen Menschenrechte für Menschen mit Behinderung verweisen, die von der AfD konsequent ignoriert werden. Und zuletzt würde ich auf die generelle Tatsache verweisen, dass die Idealvorstellung der AfD einfach gesagt ein homogenes deutsches Volk ist. Da haben Menschen, die in irgendeiner Weise als „anders“ gesehen werden könnten, keinen Platz.

Max Prigge: Was raten Sie Verbänden wie Selbstvertretungsorganisationen oder anderen Behindertenverbänden, wie sie mit der AfD umgehen sollten?

Mandy Müller: Ich rate zu mehr Aufklärung in den eigenen Reihen über die Strategie der AfD, auf die man leicht hereinfallen kann. Und ich wünsche mir mehr stärkende, empowernde Maßnahmen gegen rechts. Veranstaltungen wie „Gegen rechts argumentieren lernen“ oder „Selbstbehauptung trotz Rechtsruck“ oder etwas in der Art würde ich sehr begrüßen. Wir als Betroffene sollten dieses Thema viel mehr auf dem Schirm haben und in unsere Arbeit mit aufnehmen. Die Initiative „Krüppel gegen Rechts“ ist hier ein toller Anfang!

Max Prigge: Vielen Dank für das Interview.

Link zur Vorstellung der Bachelorarbeit von Mandy Müller von H.-Günter Heiden

Link zum offenen Brief der ISL

Link zur Kleinen Anfrage der AfD im Bundestag

In Kassel wurde nun auch eine Regionalgruppe „Krüppel gegen Rechts“ gegründet. Am 17. Mai 2025 wurde die bundesweite Initiative *Krüppel gegen Rechts* als menschenrechtsorientierte, zivilgesellschaftliche und parteiunabhängige Bewegung gegründet. Nun gibt es auch eine Regionalgruppe in Kassel!

Das nächstes Treffen der Kasseler Gruppe findet am 21. Oktober 2025 um 17:00 Uhr im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZsL), Samuel-Beckett-Anlage 6 in Kassel statt. Die Kasseler Regionalgruppe orientiert sich an den Zielen und Grundsätzen der bundesweiten Initiative und setzt sich unter anderem ein:

• für die Garantie und Umsetzung aller Menschenrechte

• für die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen

• für die Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens

• für Demokratie und Inklusion

• gegen rechtspopulistische Ideologien

• gegen Ableismus, Sexismus, Rassismus und alle weiteren Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

• gegen alle Versuche, ein Leben mit Beeinträchtigung als minderwertig darzustellen

Wer beim nächsten Treffen dabei sein oder in der Gruppe mitmachen möchte, kann sich per Mail unter kassel@krueppel-gegen-rechts.de anmelden.

Am Freitag, den 3. Oktober 2025, wurde der Tag der Deutschen Einheit begangen. In Erfurt hat das Auf die Plätze Bündnis Erfurt eine Demonstration organisiert, weil die AfD auf dem Theaterplatz ein Familienfest veranstaltet hat. Nancy Frind bekam dort die Möglichkeit, im Namen der Initiative Krüppel gegen Rechts auf der Kundgebung zu sprechen.

„Das war mir sehr wichtig. In meiner Rede habe ich betont, dass es uns gibt und dass wir uns am 17. Mai 2025 als Gruppe gegründet haben. Inzwischen sind wir schon viele Menschen in ganz Deutschland – Menschen mit und ohne Behinderung, die bei uns herzlich willkommen sind. Unser Ziel ist klar: Wir wollen für Demokratie, Vielfalt und Mitbestimmung eintreten. Das schaffen wir, indem wir viele sind und indem wir uns engagieren. Besonders wichtig war mir eine Aussage, die ich mit in die Rede genommen habe. Björn Höcke behauptet, Inklusion sei ein ‚Ideologie-Projekt‘. Wir sagen dazu klar: ‚Nein! Inklusion ist ein Menschenrecht. Wenn die AfD versucht, uns zu spalten, antworten wir: Wir stehen gemeinsam für Vielfalt zusammen.‘ Ich habe außerdem betont, wie wichtig es ist, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass mir das Auf die Plätze Bündnis Erfurt die Möglichkeit gegeben hat, einen Redebeitrag zu halten“, berichtet Nancy Frind.

Markus Walloschek von Krüppel gegen Rechts berichtet, dass bei der Gegendemo in Erfurt fast 1.000 Menschen teilgenommen haben, um ein Familienfest der AfD mit ca 350 Menschen demonstrativ zu hinterfragen. Die Initiative Krüppel gegen Rechts war mit 7 Teilnehmer*innen sichtbar vertreten. Markus Walloschek hat Taschen, Mützen und viele Pfeifen mit SpendenQRCodes verteilt und dann ging der „Rundgang“ durch die Innenstadt bis zur regegenbogengeschmückten Oper auf Sichtweite der AfD.

Video von Markus Walloschek