Am Freitag, den 3. Oktober 2025, wurde der Tag der Deutschen Einheit begangen. In Erfurt hat das Auf die Plätze Bündnis Erfurt eine Demonstration organisiert, weil die AfD auf dem Theaterplatz ein Familienfest veranstaltet hat. Nancy Frind bekam dort die Möglichkeit, im Namen der Initiative Krüppel gegen Rechts auf der Kundgebung zu sprechen.

„Das war mir sehr wichtig. In meiner Rede habe ich betont, dass es uns gibt und dass wir uns am 17. Mai 2025 als Gruppe gegründet haben. Inzwischen sind wir schon viele Menschen in ganz Deutschland – Menschen mit und ohne Behinderung, die bei uns herzlich willkommen sind. Unser Ziel ist klar: Wir wollen für Demokratie, Vielfalt und Mitbestimmung eintreten. Das schaffen wir, indem wir viele sind und indem wir uns engagieren. Besonders wichtig war mir eine Aussage, die ich mit in die Rede genommen habe. Björn Höcke behauptet, Inklusion sei ein ‚Ideologie-Projekt‘. Wir sagen dazu klar: ‚Nein! Inklusion ist ein Menschenrecht. Wenn die AfD versucht, uns zu spalten, antworten wir: Wir stehen gemeinsam für Vielfalt zusammen.‘ Ich habe außerdem betont, wie wichtig es ist, dass wir miteinander im Gespräch bleiben. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass mir das Auf die Plätze Bündnis Erfurt die Möglichkeit gegeben hat, einen Redebeitrag zu halten“, berichtet Nancy Frind.

Markus Walloschek von Krüppel gegen Rechts berichtet, dass bei der Gegendemo in Erfurt fast 1.000 Menschen teilgenommen haben, um ein Familienfest der AfD mit ca 350 Menschen demonstrativ zu hinterfragen. Die Initiative Krüppel gegen Rechts war mit 7 Teilnehmer*innen sichtbar vertreten. Markus Walloschek hat Taschen, Mützen und viele Pfeifen mit SpendenQRCodes verteilt und dann ging der „Rundgang“ durch die Innenstadt bis zur regegenbogengeschmückten Oper auf Sichtweite der AfD.

Video von Markus Walloschek

vorgestellt von H.- Günter Heiden

Veröffentlichungen zu den rassistischen und menschenverachtenden Positionen der AfD gibt es zuhauf, insbesondere zum Bereich „Migration“. Dagegen sind Aufsätze und Analysen zu den AfD-Positionen im Politikfeld „Behinderung“ und „Inklusion“ leider noch Mangelware. Dabei sorgten in den letzten Jahren die Äußerungen der AfD-Politiker Björn Höcke zur schulischen Inklusion („Ideologieprojekt“ und „Belastungsfaktor“) sowie von Maximilian Krah zu Tagesschau-Nachrichten in Einfacher Sprache („Nachrichten für Idioten“) für die eindeutigen Belege der rechtsextremen Gesinnung ihrer Politik- Darsteller. Es wird deshalb höchste Zeit, sich auch aus wissenschaftlicher Perspektive genauer mit den Positionen der AfD und ihren Akteuer*innen zu befassen. Da kommt eine aktuelle (und bislang unveröffentlichte) Bachelor-Abschlussarbeit am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel gerade richtig.

Die Autorin Mandy Müller hat ihrer Arbeit den Titel „Behindertenpolitische Positionierungen der AfD“ gegeben und konzentriert sich dabei (neben dem Grundsatzprogramm der AfD aus dem Jahr 2016) auf das Programm der AfD zur Bundestagswahl 2025. Dieses untersucht sie vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention und verwendet dabei das Analyse-Element der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF), ein bewährtes soziologisches Instrumentarium, das an der Universität Bielefeld bereits Anfang 2000 unter anderem vom Soziologie-Professor Wilhelm Heitmeyer entwickelt wurde. Mit GMF meint Heitmeyer ein „breites Spektrum von offenen und verdeckten (feindseligen) Einstellungen und Orientierungen gegenüber markierten sozialen Gruppen“.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Analysekriterium

Kennzeichnend für GMF sind nach Müller drei Dimensionen: Erstens: Das Ausspielen einer „Ingroup“ gegen eine andere „Outgroup“, wobei letztere abgewertet und die eigene „Ingroup“ aufgewertet wird. Zweitens: Utilitaristische Kalküle, also die Bewertung von Menschen nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen. Drittens: Die Konsequenzen aus den Abwertungsmechanismus, also die Folgen der Abwertung. Auf dieser Basis untersucht Müller vier inhaltliche Komplexe der Behindertenpolitik, wie sie in den untersuchten Dokumenten der AfD dargestellt werden: schulische Inklusion, Werkstättensystem, Pflege durch Angehörige sowie abwertende Sprache. Ergänzend untersucht sie eine Kleine Anfrage der AfD zu Migration und Behinderung der AfD-Bundestagsfraktion aus dem Jahr 2018. Diese vorliegenden Dokumente sind laut Müller für Menschen mit Sehbeeinträchtigung zwar alle barrierefrei lesbar, es gebe sie jedoch nicht in Leichter Sprache und Begriffe wie Barrierefreiheit, Barriereabbau oder Teilhabe seien nicht zu finden.

Müller stellt dann in ihrer ausführlichen Analyse fest, dass GMF bei der AfD nicht als „vereinzelte rhetorische oder programmatische Entgleisung“ stattfindet, sondern als strukturelles Element vorhanden ist, durch das behinderte Menschen systematisch ausgegrenzt und abgewertet werden. Perfiderweise argumentiert die AfD dabei unter dem Deckmantel als vorgebliche „Beschützerin der Menschen mit Behinderungen“, die natürlich nur zu ihrem eigenen Wohl in exkludierenden Sonderwelten leben sollen.

In ihrem Fazit schreibt Müller zum Schluss ihrer Arbeit: „Die behindertenpolitischen Positionierungen der AfD sind defizitorientiert und menschenfeindlich. Dies geht automatisch auch mit einer Demokratiegefährdung einher. Sie zielen auf eine systematische Ungleichwertigkeit gesellschaftlicher Gruppen ab und untergraben damit zentrale Prinzipien demokratischer Verfasstheit wie Integrität und Solidarität.“ Aus meiner Sicht ist Müller mit ihrer Arbeit gelungen, auf einer wissenschaftlichen Basis die menschenrechtswidrige Behindertenpolitik der AfD offenzulegen. Wünschenswert wären viele weitere Analysen aus den Reihen der Hochschulen, zumal im Jahr 2026 wichtige Landtagswahlen anstehen und zu vermuten ist, dass sich die AfD weiterhin in den medialen und politischen Vordergrund spielen will.

Link zum Bericht des NETZWERK ARTIKEL 3 mit einem Link zur Bachelorarbeit

Weitere Lesetipps zum Thema

Dieser Text wäre aber nicht vollständig, wenn er nicht auf zwei weitere aktuelle Publikationen zum Thema verwiese. Da ist einmal Jan Riebe zu nennen. Er ist Bildungsreferent bei der Amadeu Antonio Stiftung für Rechtsextremismusprävention und hat 2024 einen Aufsatz unter dem Titel „Ideologieprojekt Inklusion: Positionierungen der AfD zu Inklusion als Ausdruck ihres rechtsextremen Weltbildes“ (https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_01384026) veröffentlicht.  Riebe untersuchte anhand der bis Ende 2023 erschienenen Wahl- und Grundsatzprogramme der AfD den Bereich der schulischen Inklusion. Er attestiert der AfD in seinem Aufsatz „zumindest in Teilen eine massive Menschenverachtung“, sie betrachte die Inklusion als „Teil eines Kulturkampfes“.

Außerdem möchte ich auf Dagmar Herzog hinweisen. Sie ist US-amerikanische Historikerin und Professorin für Geschichte an der City University of New York und konstatiert in ihrem just erschienenen Buch „Der neue faschistische Körper“ eine „obsessive Behindertenfeindlichkeit als elementarer Grundbaustein des AfD-Programms“. Ein Interview mit der taz zu ihrem lesenswerten Buch ist nachzulesen unter https://krueppel-gegen-rechts.de/2025/09/10/die-afd-ist-so-obsessiv-behindertenfeindlich-wie-keine-andere-rechtslastige-bewegung/.

Erfurt: Die AfD will mit Björn Höcke in Erfurt am Tag der Deutschen Einheit ein „Familienfest“ feiern. Das Bündnis „Auf die Plätze“ ruft zur Gegendemonstration auf dem Erfurter Bahnhofsvorplatz am 3. Oktober 2025 um 13:30 Uhr auf. Markus Walloschek wird dabei nicht nur für die Initiative Krüppel gegen Rechts an der Gegendemonstration teilnehmen, sondern ruft dazu auf, dass möglichst viele an diesem Tag für die demokratischen Werte auf die Straße gehen. Zudem wird Nancy Frind in einem Redebeitrag auch Stellung für die Initiative Krüppel gegen Rechts beziehen.

„Am 3. Oktober versucht die AfD es erneut, Erfurt zu vereinnahmen. Das wollen und können wir nicht unwidersprochen lassen!“, heißt es auf der Facebook-Seite der Initiative „Auf die Plätze“.

Link zum Facebook-Eintrag der Initiative Auf die Plätze zur Gegendemo in Erfurt

Björn Höcke hatte vor allem auch unter behinderten Menschen und ihren Verbänden mit der Bezeichnung der schulischen Inklusion als Ideologieprojekt Empörung ausgelöst.

Link zu weiteren Infos zur Initiative Krüppel gegen Rechts

Kassel: Seit einigen Monaten engagieren sich Menschen mit verschiedenen Behinderungen in der Initiative „Krüppel gegen Rechts“ und zeigen mittlerweile auch bei verschiedenen Veranstaltungen Flagge. So auch bei der Disability Pride Demo, die am 27. September 2024 durch die Kasseler Innenstadt zog. Nancy Frind hatte gleich zwei ihrer Flaggen von „Krüppel gegen Rechts“ mitgebracht, mit denen auf die zunehmende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit hingewiesen und vor dem Rechtsruck – vor allem durch das Erstarken der AfD und der mit ihr verbundenen Ideologie in der Gesellschaft – gewarnt wurde.

Link zur Internetseite der Initiative Krüppel gegen Rechts

Link zum Bericht über die Disability Pride Demo vom 27. September 2025 in den kobinet-nachrichten

„Für die AfD gehören Behindertenfeindlichkeit und Rassismus zusammen, sagt Dagmar Herzog.“ So heißt es in der Ankündigung des Beitrags mit dem Titel „Die Fantasie vom schönen Volk“, der am 7. September 2025 in der taz erschienen ist. Im Interview berichtet die Historikerin Dagmar Herzog über rechte Körperkultur und was dies mit Behindertenfeindlichkeit zu tun hat. Und sie betont: „Die AfD ist so obsessiv behindertenfeindlich wie keine andere rechtslastige Bewegung.“

Im Interview heißt es u.a.:

taz: Sie leben in New York. Ihre These von der Faschisierung illustrieren Sie mit Kampagnen der AfD in Deutschland. Warum?

Herzog: Besonders im Umgang mit geistiger Behinderung wirkt in Deutschland noch vieles aus der NS-Zeit nach. Die AfD ist so obsessiv behindertenfeindlich wie keine andere rechtslastige Bewegung. Weder in Ungarn noch Brasilien finden Sie dieses Wüten gegen Integration behinderter Menschen, das die AfD in jedem regionalen Parteiprogramm betreibt. Ich habe mich gefragt: Warum will man vor allem geistige Behinderung wieder unsichtbar machen?

taz: Wie lautet Ihre Antwort?

Herzog: Ich glaube, eins der Kalküle am Schlechtreden von Inklusion ist: Wenn man Menschen mit Beeinträchtigungen wieder aus dem Blickfeld der Kinder bringt, dann lernen sie gar nicht erst die Empathie und die Solidarität, die ein wichtiger Teil des Menschseins sind. Ich habe mit vielen jungen Leuten in Deutschland geredet. Manche sind in Inklusionsklassen und finden das toll. Ich habe auch viele gelingende Inklusionsklassen besucht. Aber es ist nicht die Mehrheit, vielerorts wird Inklusion gar nicht umgesetzt. Mancherorts sind Lehrer und Schulen damit auch überfordert.“

Link zum vollständigen Interview in der taz

Nancy Frind mit Fahne von Krüppel gegen RechtsAm Samstag, den 6. September 2025, fand in Erfurt der Christopher Street Day (CSD) statt. Mit dabei war Nancy Frind, die dort einen Redebeitrag hielt und damit auch die Stimme behinderter Menschen hörbar machte. „Als Aktivistin für Menschen mit Behinderungen war es mir wichtig, deutlich zu sagen: Vielfalt und Sichtbarkeit sind entscheidend. Wir müssen gemeinsam stark sein – und auch laut“, betonte die Thüringerin, die auch für die Initiative Krüppel gegen Rechts warb und Flagge zeigte.

Stimme für die Rechte behinderter Menschen beim CSD in Erfurt erhoben

„Ich möchte mich für all die Einladungen zu verschiedenen CSDs bedanken, bei denen ich bereits sprechen durfte. Auch als Vertreterin des Landesverbands für Frauen mit Behinderungen in Thüringen (LaFiT) konnte ich immer wieder dabei sein – dort war es mir besonders wichtig, als Frau mit Behinderung sichtbar zu sein und dieses Thema stark zu machen. Das ist nicht selbstverständlich und ich bin sehr dankbar dafür. Diese Plattformen geben uns die Möglichkeit, laut zu sein, sichtbar zu werden und zu zeigen: Uns gibt es! All das mache ich ehrenamtlich – und gerade deshalb erfüllt es mich mit großem Stolz, meine Stimme zu erheben. Immer wieder habe ich auch Werbung für Krüppel gegen Rechts gemacht – denn Vielfalt, Sichtbarkeit und ein klares Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung sind Themen, die uns alle angehen. Für uns Menschen mit Behinderung ist es besonders wichtig, dass unsere Perspektiven nicht übersehen werden“, berichtet Nancy Frind. Für sie ist es auch wichtig, ihre Stimme für diejenigen zu erheben, die es aus verschiedenen Gründen nicht können.

Das nächste Online-Austausch-Treffen der Initiative Krüppel gegen Rechts findet übrigens am 15. September 2025 um 17:00 Uhr statt. Diejenigen, die Interesse haben, in den Verteiler der Initiative Krüppel gegen Rechts aufgenommen zu werden, können sich mit einer E-Mail an folgende Adresse wenden: hgh@krueppel-gegen-rechts.de

Link zur Homepage von Krüppel gegen Rechts

Das nächste Online-Austausch-Treffen der Initiative Krüppel gegen Rechts findet am 15. September 2025 um 17:00 Uhr statt. Diejenigen, die Interesse haben, in den Verteiler der Initiative Krüppel gegen Rechts aufgenommen zu werden, können sich mit einer E-Mail an folgende Adresse wenden: hgh@krueppel-gegen-rechts.de. Dort kann man sich auch für die Online-Treffen anmelden.

Marburg: Der Andrang zur Eröffnung der Ausstellung mit dem Titel „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“ zur Nazi-„Euthanasie“ in Marburg war größer als erwartet. „Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses ‚KA.RE.‘ reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am 22. August 2025 stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung ‚Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus‘ ist bis Donnerstag, 30. Oktober 2025 im Katholischen Begegnungshaus ‚Ka.Re‘ in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen.“ Darauf macht Franz-Josef Hanke in seinem Beitrag über die Ausstellungseröffnung für die kobinet-nachrichten aufmerksam.

 Bewegende Ausstellungseröffnung zur Nazi-„Euthanasie“ in Marburg

Beitrag von Franz-Josef Hanke

Der Andrang zur Ausstellungseröffnung war größer als erwartet. Die 70 Plätze im großen Ausstellungssaal des katholischen Begegnungshauses „KA.RE.“ reichten bei weitem nicht aus. Obwohl noch Stühle in den Saal hineingestellt wurden, mussten mehrere Interessierte die Ausstellungseröffnung am Freitag (22. August 2025) stehend verfolgen, was sie angesichts des berührenden Programms aber allesamt durchhielten. Die Ausstellung „Verfolgung behinderter Menschen im Nationalsozialismus“ ist bis Donnerstag (30. Oktober) im Katholischen Begegnungshaus „Ka.Re“ in der Biegenstraße 18 in Marburg zu sehen. Sie ergänzt die Wanderausstellung „Die nationalsozialistischen ,Euthanasie‘-Morde“ um einen Ausstellungsteil der Arbeitsgruppe „Menschenbild Behinderter Gestern und Heute“ im „Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“ über „Euthanasie“ in Marburg.

„Wir sehen, wo es endet, wenn Hass und Hetze, wenn Unmenschlichkeit und Abwertung von Menschen regieren“, warnte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Wir sehen, was passiert, wenn Menschen nach ihrer ,Nützlichkeit‘ bewertet und ihre unveräußerliche Würde mit Füßen getreten wird.“ Besonders beeindruckt zeigte sich der Oberbürgermeister von der Ergänzung der Wanderausstellung durch Dokumente und Informationen zur Marburger Verfolgungsgeschichte. „Nirgends ist die Notwendigkeit von Demokratie so handgreiflich sichtbar wie hier.“

Der Initiator des Ausstellungsprojekts ging das Thema grundlegender an: „Wer bestimmt eigentlich, was normal ist und was nicht?“ Diese Frage nahm Bernd Gökeler zum Anlass für weitere Fragen an das Publikum: „Was bringt sie eigentlich zu der Erwartung, dass der Saal hier für sie bestuhlt ist? Wieso halten Sie es für selbstverständlich, das jemand – wir nennen sie Assistenten – die Stühle vorher hinstellen und hinterher wieder abräumen?“

Ihm als Rollstuhlfahrer biete der nicht bestuhlte Saal die Möglichkeit einer freien Platzwahl. er fragte das Publikum direkt, warum die Ausstattung mit Standardstühlen als selbstverständlich gelte, wohingegen er seinen Rollstuhl aufwendig beantragen müsse. Debatten über die Kosten der Behindertenhilfe rückte Gökeler mit seinen Ausführungen dahin, wo Menschen als angeblicher „Kostenfaktor“ abgewertet werden und von wo aus es nur noch ein kleiner Schritt ist bis hin zur menschenverachtenden Nazi-Ideologie.

Pfarrer Markus Blümel vom Team des „Ka.Re.“ berichtete von einer Exkursion seiner Firmlinge nach Fulda, wo er mit einer behinderten Teilnehmerin nach barrierefreien Zugängen zu Gebäuden und Gaststätten habe suchen müssen. „Das hat meinen Blick geschärft“, erklärte er. Die Katholische Kirche sieht der Pfarrer in der Pflicht, an das Beispiel des Münsteraner Bischofs Clemens August Kardinal Graf von Galen anzuknüpfen, der die sogenannte „Euthanasie“ der Nationalsozialisten 1941 mit scharfen Worten als unmenschlich gegeißelt hatte.

Den – von Mitgliedern der Arbeitsgruppe im Marburger Netzwerk für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zusammengestellten – Ausstellungsteil über Marburg stellte der Historiker Dr. Wolfgang Form bei der Ausstellungseröffnung kurz vor: Die sogenannte „Euthanasie“ sei nicht vom Himmel gefallen, berichtete er. Auf einem Zeitstrahl seien in der Ausstellung entsprechende Entwicklungsschritte und Maßnahmen zwischen dem Jahr 1907 bis hin zum Jahr 2025 vermerkt.

Begonnen habe die systematische Verfolgung angeblich „unnützer Esser“ mit der Zwangssterilisierung behinderter Menschen 1933. Im Alten Amtsgericht an der Marburger Universitätsstraße habe das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ bis 1945 mindestens 164 Urteile gesprochen, die dann in der Frauenklinik und – bei Männern – in der Urologie umgesetzt wurden. Das könne damals niemandem verborgen geblieben sein, erklärte Form.

Mindestens 333 Marburgerinnen und Marburger wurden zwischen 1939 und 1945 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Sie kamen aus fast allen Stadtteilen Marburgs, berichtete Form. „Jeder kannte ein Kind oder eine Tante, die weggebracht wurden“, erläuterte der Historiker. „Alle müssen davon gewusst haben.“

An die Marburger „Euthanasie“-Opfer wird mit der Installation „Steine gegen das Vergessen“ erinnert. Für jedes Opfer wird der Namenszug mit Geburtsdatum und dem Tag der Ermordung in Hadamar auf einem Backstein angebracht. Die Station ist mit Unterstützung des Lebenshilfewerks Marburg-Biedenkopf entstanden. Zudem wird an die Opfer der NS-Zwangssterilisation erinnert.

„Die Steine sind zwar alle ungefähr gleich groß, haben aber alle eine unterschiedliche Form“, erläuterte Gökeler. Er bezeichnete sie als „Lehrmal“, das nach dem Ausstellungsende am 30. Oktober auch an anderen Orten in Marburg zu sehen sein sollte.

Mit eindringlichem Gesang verhalf Latoya Reitzner den Anwesenden zwischen den Reden dreimal zum Durchatmen. Dabei bezogen sich ihre Titel wie „The Sound of Silence“ auf die Themen, die bei der Vernissage zuvor oder im Anschluss behandelt wurden. Gebärdensprachdolmetscher begleiteten diese Veranstaltung ebenso wie Texte in Leichter Sprache und Audioguides die Ausstellung.

Um junge Menschen an das schwierige Thema heranzuführen, hatten die Veranstaltenden Freiwillige für „Peer-Rundgänge“ gesucht. Fünf junge Leute waren aus diesem Grund zur Ausstellungseröffnung gekommen und wurden dort mit großem Applaus bedacht. Weitere Freiwillige werden noch gesucht. Alle wichtigen Informationen zu dem Projekt finden Interessierte online auf http://www.marburgmachtmit.de/eugenik

Am 1. Juni 2025 ist mit MAVIOPA – „Mapping far right violence against people with (cognitive) disabilities, resistance and professional approach“ – ein dreijähriges inter- und transdisziplinäres Verbundforschungs- uns Transferprojekt an der Hochschule Düsseldorf (HSD) und dem Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex) an der Universität Tübingen gestartet. Es konzentriert sich auf extrem rechte Gewalt vor allem bezogen auf Menschen mit kognitiven Behinderungen, dokumentiert aber auch Übergriffe auf Menschen mit weiteren bzw. anderen Formen von Behinderungen seit den 1990er Jahren in der Bundesrepublik.

Gesucht werden Informationen (auch, wenn diese nur sehr vage sein sollten):

– Persönliche Erinnerungen und Hinweise, Fotos, Zeitungsartikel, Online-Posts etc. zu Vorfällen, in denen Bedrohungen und Gewalt gegenüber Menschen mit u.a. kognitiven Beeinträchtigungen stattgefunden haben, und es sich um rechtsextreme Täter/innen handelte. Es interessieren Vorfälle seit 1990 bis heute.

– Unklare Situationen, denn nicht immer sind rechtsextreme Akteure und Akteurinnen als solche erkennbar.

– Gegenaktivitäten, z.B. nach einem Angriff, wie eine Kundgebung oder Engagement in der Nachbarschaft.

Die Informationen oder Beschreibung des Vorfalls, (Kopien von) Fotos oder Zeitungsartikeln können über ein Formular gemeldet werden. Die Ergebnisse der Grundlagenforschung sollen in eine Chronik sowie in eine Ausstellung in leichter und schwerer Sprache münden, außerdem in Empowerment für die Betroffenen und in partizipativ entwickeltes politisches Bildungsmaterial sowie Policy Paper für Fachkräfte und Polizei.
 
Kontakt: maviopa@irex.uni-tuebingen.de

Meldeformular: https://uni-tuebingen.de/de/280794)

Wiesbaden: Für Mittwoch, den 3. September 2025, ist von 12.30 bis 14.00 Uhr eine Kundgebung vor dem Hessischen Landtag in Wiesbaden unter dem Motto „Kein Register gegen Psychisch Kranke“ geplant. „Es geht darum, unseren Protest gegen die geplante Diskriminierung auszudrücken“, heißt es u.a. auf der Internetseite des Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (Bpe). „Die CDU Hessen und SPD Hessen wollen psychisch erkrankte Menschen in einem Register erfassen. Das kann Menschen davon abschrecken, sich Hilfe zu holen! Statt eines Überwachungsregisters braucht es echte Hilfe: mehr Therapieplätze, niedrigschwellige Angebote und Respekt vor der Würde aller Menschen.“ So heißt es in einer Petition, die schon fast 40.000 Unterstützer*innen hat.

„Genauere Informationen zu dieser von Herrn Thomas Völker von der Linkspartei organisierten Aktion findet Ihr demnächst im Telegramkanal des BPE oder auf www.bpe-online.de„, heißt es auf der Internetseite des Bpe.

„Bis zu ein Drittel der Bevölkerung gilt als ‚psychisch krank‘. Die Zahl der Psychiatrieeinweisungen liegt bei 1,2 Millionen im Jahr. Wie man aus dieser riesigen Zahl von Diagnostizierten die wenigen (potentiellen) Gewalttäter herausfiltern will, ist mir schleierhaft. Fakt ist, dass sich die Psychiatrie um die Behandlung wirklich gefährlicher Menschen drückt. Diese werden oft sehr schnell entlassen. So unerfreulich diese Straftaten auch sind, sie sind verglichen mit Verkehrstoten, an Krankenhauskeimen Gestorbenen, Opfern von Alkohol und Nikotin, selten. Man würde sich ebenfalls freuen, wenn Femizide auch nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit dieser Straftaten ‚psychisch Kranker‘ fänden.“ So heißt es weiter auf der Internetseite des Bpe zur Ankündigung der geplanten Demonstration am 3. September 2025 in Wiesbaden.

Link zur Petition „Stoppt das Register über psychisch erkrankte Menschen“

Link zum Beitrag der kobinet-nachrichten vom 4. Juli 2025 mit dem Titel: Die Registrierung von Menschen mit psychischen Behinderungen führt zu Gewalt

Link zum Beitrag der kobinet-nachrichten vom 4. Juli 2025 mit dem Titel: CDU-Äußerungen zur Erfassung psychisch Kranker stoßen auf heftige Kritik

Link zum Bericht der kobinet-nachrichten vom 3. Juli 2025 mit dem Titel: Differenzierte Betrachtung statt Stigmatisierung psychisch kranker Menschen gefordert